Blick vom Kirchturm
Tageslosung von Sonntag, 24. Juni 2018
Gelobet sei der Name Gottes von Ewigkeit zu Ewigkeit, denn ihm gehören Weisheit und Stärke!
Johannes der Täufer sprach: Ein Mensch kann nichts nehmen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben ist.
 

Das Mönchsgesicht an der Kirche zu Schlettau

 

An der östlichen Außenseite der Kirche befindet sich etwa acht Ellen über der

Erde ein Stein in der Mauer, der, angeblich ohne von Menschenhänden bear-

beitet zu sein, einem Mönchsgesicht täuschend ähnlich sieht.Das Volk erzählt

sich von demselben folgende wunderbare Geschichte, die sich um das Jahr

1520 ereignet hat. Damals hatte Johannes Küttner (oder Kottner), ein Bruder

des Grünhainer Abtes Georg Küttner, als letzter katholischer Geistlicher die

Pfarrstelle zu Schlettau inne. Da begab es sich, dass einst in stiller Mitternacht,

als Küttner noch eifrig die Kirchenväter studierte,ein bleicher Schatten auf-

tauchte. Es war der Geist eines seiner Vorgänger. Der Sprach zu ihm: „Es ist

nunmehr hundert Jahre her, als die Hussiten in der Nähe waren, dass ich ein

silbernes Kruzifix um Mitternacht in die Kirchenmauer eingemauert habe. Am

nächsten Morgen wurde ich von den wilden Ketzern erschlagen. Jetzt bin ich

gekommen, um dich aufzufordern, das heilige Kreuz wieder an seinem früheren

Ort auf den Altar zu stellen. Du wirst den Fleck, wo es vermauert ist, leicht

erkennen, denn es wird sich deinem Auge ein Lichtschein zeigen, und da, wo

derselbe erglänzt, schlage ein, und du wirst es sogleich entdecken!“ Nach

dieser Rede verschwand der Geist. Der fromme Pfarrer aber eilte in die Kapelle,

wo der Sakristan ihn zur Messe bereits erwartete. Diesem teilte er das Erlebte

mit und hieß ihn an, am folgenden Mittag mit Hammer und Spitzhaue zur Hand

zu sein, um das Kruzifix aus seinem Verstecke herauszunehmen. Kaum war

aber der Pfarrer wieder weggegangen, so versuchte der Böse das Herz des

Sakristans, welches dem Geize an sich schon zugewandt war. Er beschloss,

auf der Stelle den Versuch zu machen, das Kruzifix zu entdecken, den Raub

auf die Seite zu schaffen und dann den Fleck möglichst gut wieder auszubessern,

damit man von dem Diebstahl nichts gewahren möge. Nach kurzem Suchen

fand er auch den Lichtschein, und als er an der Stelle, die hohl klang, einschlug,

blinkte ihm auch das Silber entgegen. Allein er hatte bei dem Schlage das

eherne Bildnis des Heilands mit zerschlagen. Da fuhr auf einmal ein Donner-

schlag vom Himmel herab, und die Kirchenglocken fingen von selbst an, Sturm

zu läuten. Der Pfarrer fuhr aus dem Schlummer, er eilte aus dem Haus und fand

schon eine menge Volk um die Kirche versammelt, weil man glaubte, dieselbe

stehe in Flammen. Als die Tür geöffnet wurde, fand man zwar dieselbe ganz

hell, aber nirgends sah man Feuer; wohl aber lag der Tempelräuber zerschmet-

tert neben dem herabgestürzten Kruzifix am Boden,doch war sein Kopf vom

Rumpf wie abgehauen, und als man nach demselben suchte, fand man ihn an

derselben Stelle in der Mauer, wo das Kruzifix eingemauert gewesen war. Der

tiefbetrübte Pfarrer ließ nun das zerschlagene Bild des Heilands aus seinen

Trümmern zusammensuchen und den Körper des Verbrechers aus der Kirche

fortschaffen. Auch befahl er, den Kopf desselben nach Morgen zu in der Mauer

zum ewigen Gedächtnis einzumauern. Als aber der Tag anbrach, da sah man

das bleiche Gesicht des Sakristans, von selbst zu Stein geworden, aus der

Mauer herausblicken und dort steht es noch, denn es lässt sich weder über-

tünchen noch vermauern, ja man hat beobachtet, dass es oft bittere Tränen

vergießt und allemal, wenn dem Städtchen Gefahren drohen, in gelbem Lichte

leuchtet.